Unter vier Augen„Ich kämme Teppichfransen“

Finale Retusche Barbara Schöneberger und Guido Maria Kretschmer am 12.03.2020 in Berlin Fotos: Benno Kraehahn H/M Matthias Klemenz / Set Styling: NiciTheuerkauf

Seit viele größtenteils zu Hause arbeiten, hat Ordnung einen neuen Stellenwert bekommen. Barbara Schöneberger und Guido räumten schon immer leidenschaftlich gern – aber wer hat den größeren Putzfimmel?

Barbara: Guido, ich möchte kurz zusammenfassen, was passiert ist, als du gerade hereingekommen bist.

Guido: Okay …

Barbara: Zuallererst hast du ein Feuchttuch gezückt und angefangen, deine weißen Turnschuhe zu putzen.

Guido: Weil ich in Teer getreten bin. Glaube ich.

Barbara: Der Fleck war schnell weg, aber du hast nicht aufgehört. Und jetzt blitzen deine Sneaker, als kämen sie direkt vom Fließband.

Guido: Zugegeben, verglichen mit deinen …

Barbara: Aber dann, und das hat mich am meisten beein­druckt, hast du mit dem schon benutzten, aber noch ge­ brauchsfähigen Feuchttuch angefangen, die Fensterrahmen abzuwischen. In einem Fotostudio, das dir nicht gehört.

Guido: Das ist richtig. Ich war noch nie hier.

Barbara: Lass uns nicht drum herumreden, Guido: Du hast einen Putzfimmel.

Guido: Nun ja, ich mag es sehr gern sehr ordentlich. Und ich brauche bestimmte Bedingungen in bestimmten Situationen. Das war schon als Kind so.

Barbara: Ein Beispiel aus deiner Kindheit bitte! Guido: Sagen wir mal: beim Abendbrot. Meine vier Geschwister und meine Eltern saßen mit diesen furchtbaren Brettchen am Tisch, von denen ständig die Krümel auf die Tischplatte fielen. Hat mir nicht gefallen. Ich hatte immer meinen Teller, ein Sektglas für meine Milch, eine Serviette daneben, und selbst­verständlich saß ich sehr gerade.

Barbara: Schwierig, wenn man unterwegs ist. Da muss man nehmen, was man bekommt, im Flugzeug zum Beispiel.

Guido: Das stimmt. Aber sei dir sicher: Wenn ich mein Tablett wieder abgebe, sieht es aus, als wär es nicht benutzt worden. Alle Krümel beseitigt, der Butterdeckel akkurat aufs Döschen gepappt, alles auf zwölf Uhr ausgerichtet …

Barbara: Für wen machst du das?

Guido: Für mich. Aber weißt du, das hat auch mit meinem Job zu tun. Als Designer gehst du unter, wenn du nicht jede Art von Chaos von Anfang an verhinderst. Da fliegen so viele Klamotten herum, so viele Stoffmuster, Kurzwaren, Zettel und Stifte … ich hatte immer das Gefühl: Wenn da keine Ordnung drinsteckt, geht der Laden unter.

Barbara: Ich habe eine These über sehr ordentliche Leute.

Guido: Und die wäre?

Barbara: Wer seine Außenwelt penibel aufgeräumt hält, ist im Kopf unordentlich. Gilt für dich nicht, oder?

Guido: Nein, wirklich nicht. Aber ich habe auch eine These: Ordnung ist eine Sehnsucht – und zwar eine nach Sortiertheit. Vielleicht ist Ordnung auch der Aus­druck der Angst vor Verlorenheit.

Barbara: Da kann ich mitgehen. Aber auch noch ein biss­chen weiter: Ich brauche nicht so sehr Ordnung, sondern vor allem den Prozess des Ordnungmachens. Würde ich in meine komplett von jemand anderem aufgeräumte Woh­nung kommen, wäre für mich nichts gewonnen. Ich muss es selbst tun. Das ist ein bisschen wie … na ja: Weihnachten.

Guido: Wieso Weihnachten?

Barbara: Ich habe mich letztes Weihnachten mit meinem Nachbarn unterhalten. Der sagte zu mir: Ich komme so schwer in Stimmung. Es hat sich herausgestellt: Während sämtliche Vorbereitungen laufen, sitzt er in seinem Arbeits­zimmer und kommt dann zur Bescherung raus. Ich hin­gegen kaufe den Weihnachtsbaum, schmücke ihn, backe Plätzchen und mache den Punsch …

Guido: … und hast kein Problem, in Stimmung zu kommen.

Barbara: Nö. Ordnung ist Leben. Aber mir ist noch nicht ganz klar: Ist deine Ordnungsliebe denn jetzt Angst vor Verlorenheit?

Guido: Ich glaube eher, dass meine innere Aufgeräumtheit eine Entsprechung im Draußen braucht. Wenn ich nach Hause komme und die Köpfe der Tulpen nicht aufrecht stehen oder wenn Dinge nicht an ihrem Platz sind, irritiert mich das erst mal. Dann sagt mein Mann Frank zu mir: Guido, wir haben hier gelebt, während du weg warst.

Barbara: Wobei ja die Abwesenheit an sich schon Unord­nung in dein Leben bringt.

Guido: Ganz genau. Ich habe einen Traum vom schönen Leben total internalisiert, und das ist für mich vor allem mein Zuhause – und die Sehnsucht danach. Wenn ich unterwegs bin, stelle ich mir immer vor, wie schön ich es daheim haben will, und wenn dieses perfekte Bild mit der Realität nicht mithalten kann, wird es schwierig. Deshalb räume ich auch immer wie verrückt auf, bevor ich das Haus verlasse. Ich will zurückkommen und es sofort hübsch haben.

Barbara: Das habe ich bei meiner Mutter nie verstanden! Vor jedem Wochenendausflug hat sie das Haus picobello auf Vordermann gebracht. Und ich habe mich immer gefragt: Wieso?

Guido: Und heute?

Barbara: Mache ich es natürlich genauso! Und ich glaube, das hängt mit dem zusammen, was du gerade sagtest: Mein Haus ist der wichtigste Ort in meinem Leben, an dem ich viel zu wenig Zeit verbringe. Aber in dieser Zeit, ja, genau, will ich es schön haben. Aber es gibt auch einen Unterschied zwischen uns.

Guido: Du hast Kinder. Die richten per Definition Verwüstung an.

Barbara: Das auch. Aber das meine ich nicht. Sondern: Im Gegensatz zu dir gönne ich mir Ecken, in denen absolutes Chaos herrscht.

Guido: Zum Beispiel?

Barbara: In unserem Haus in Österreich haben wir eine Besteckschublade. In die kippe ich den Besteckkorb aus dem Geschirrspüler hinein, da fliegt alles komplett unsortiert durcheinander. Gib es zu: Das könntest du nicht aushalten.

Guido: Ach, doch. Ich lebe ja auch nicht allein, und mein Mann hat einen anderen Ordnungsbegriff als ich. Da muss ich durch, und das ist okay. Er akzeptiert ja auch, dass ich immer nur auf dem Boden liege.

Barbara: Du tust was?

Guido: Ich liege gern auf dem Boden, das war schon immer so. Wenn ich meine Eltern im Münsterland besuche, sagt meine Mutter heute noch »Guido, Essen ist fertig!« und wirft mir ein Kissen auf den Boden.

Barbara: Faszinierend.

Guido: Ja, wirklich. Ich habe dadurch nämlich eine ganz andere Perspektive auf die Wohnung. Und deren Makel – ich kann ganze Fernsehabende damit zubringen, die Teppichfransen zurechtzuzupfen.

Barbara: Was noch?

Guido: Ich habe mit einem Wattestäbchen die Zwischenräume des Wohnzimmerdimmers …

Barbara: Im Ernst? Wattestäbchen? Bei uns bräuchte man dafür einen Spachtel. Hast du nun Kruschelecken? Also, wenn ich daran denke, was für ein Klamottenberg bei uns im Schlafzimmer liegt …

Barbara Schöneberger und Guido Maria Kretschmer am 12.03.2020 in Berlin

Guido: Oh. Sorry. Das geht nicht bei mir, ich habe zu Kleidung eine andere Verbindung. Ich glaube, Klamotten haben eine Seele.

Barbara: Aber es passiert doch auch öfter mal, dass Sachen einfach vom Bügel rutschen.

Guido: Allerdings, gerade leichte Teile, Seidenhemdchen oder so. Was für mich ein Zeichen ist: Die brauchen ein bisschen Aufmerksamkeit. Die hebe ich dann auf und sage: Ach, Mäuschen. Du armes Ding.

Barbara: So habe ich die Sache noch nie gesehen. Das rührt mich gerade irgendwie an.

Guido: Und denk das mal weiter. Ich betrachte mich als durchlaufenden Posten. Diese Bluse, ein Möbelstück, mein Kleiderschrank … die werden ja weiterwandern, in andere Hände gehen, von nächsten Generationen noch benutzt werden. Da will ich doch alles dafür tun, dass diese Sachen im bestmöglichen Zustand weiterleben.

Barbara: Apropos andere Hände: Wie verhältst du dich im Hotel?

Guido: Ganz normal. Ich hänge Bilder ab, stelle Möbel um, tausche Glühbirnen aus.

Barbara: Glühbirnen?

Guido: Ich bin ziemlich lichtaffin. Und oft hast du in Hotels diese fürchterlichen Energiesparlampen, in deren Licht du wie eine Wasserleiche aussiehst, wenn du aus dem Bad kommst.

Barbara: Aber woher bekommst du die Tauschbirnen?

Guido: Habe ich immer dabei. Diese schönen mit der Goldkappe. Und eine weiße Serviette, die ich immer irgendwo drapiere. Und manchmal einen Kissenbezug.

Barbara: Puh. Wenn ich so anfinge, hätte ich Angst, in ein ganz seltsames Fahrwasser zu kommen.

Guido: Ach, das ist doch ruck, zuck bezogen.

Barbara: Na gut. Wie sieht auf Reisen dein Koffer aus?

Guido: Sehr sortiert. Ich rolle alles, T-Shirts, Hemden, Socken … ist viel besser. Und ich sorge dafür, dass frische und gebrauchte Wäsche strickt getrennt bleibt. Aber Socken sind ein ewiges Problem. Manchmal fehlt eine oder die sind falsch zusammengelegt, dann entsteht eine unangenehme Disharmonie. Nicht nur unterwegs im Koffer. Auch zu Hause in der Schublade.

Barbara: Du hast vollkommen recht. Auch ich bin mit der Sockensituation unzufrieden. Und dass bei uns drei Hausbewohner in etwa die gleiche Schuhgröße haben, macht die Sache nicht besser. Bei mir kommt nichts mehr an, und bei den anderen passt keine Socke zu der anderen. Aber in den Ferien setze ich mich manchmal hin und führe einzelne Teile wieder zu dem Paar zusammen, das es sein sollte.

Guido: Wie Memory! Zum Glück ist das bei uns Franks Domäne. Wie auch das Waschen. Ich wasche nie.

Barbara: Wirklich nie?

Guido: Ich habe beruflich zu viel Textil, das kann ich zu Hause nicht auch noch haben. Da fehlt mir außerdem jedes Talent. Ich wollte mal Hemden waschen, habe »Megaperls« in die Maschine geworfen und Weichspüler eingefüllt – um am Ende festzustellen, dass das, was ich da angeworfen hatte, der Trockner war und nicht die Waschmaschine.

Barbara: Gottogott!

Guido: Ja, Franks Lieblingshemd war hinüber. So ein schwarzes von Dior, da hatten sich zwei »Megaperls« auf der Brust für immer eingebrannt. Danach wurde ich dieser Aufgabe enthoben.

Barbara: Nun ist es ja so, dass wir nicht nur für uns sind. Du arbeitest auch mit Menschen zusammen.

Guido: Die nicht immer so ticken wie ich.

Barbara: Die lassen Bonbonpapier herumliegen, horten Papierstapel …

Guido: Und Post-its. So furchtbar, diese gelben Klebedinger an den Bildschirmen … mittlerweile arbeite ich viel von zu Hause, auch ohne Corona, aber als ich noch mit meinen Mitarbeitern in einem Büro saß, habe ich manche Räume einfach nicht mehr betreten. Aber ich habe auch etwas über mich gelernt im öffentlichen Raum.

Barbara: Und zwar?

Guido: Wenn jemand unordentlich ist, aber mit sich im Reinen, komme ich damit klar. Und wenn ich jemanden mag, darf er sogar sein Bonbonpapier herumliegen lassen. So einfach ist das manchmal.