EditorialLasst uns durch Zeit und Welten reisen!

Ihr Lieben,

ich frage mich gerade, ob es noch erlaubt wäre, »Leser« einfach zu gendern, ohne einen Sternchenzusatz zu verwenden? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber es fällt mir manchmal noch schwer, an alles ein »-innen« zu hängen, ich habe schon immer, wenn ich »Mitmensch« sagte, selbstverständlich alle Frauen ein­bezogen. Was ist da gerade los, wer hat sich das ausgedacht? Und ist es nicht so, dass selbstbewusste Frauen gar nicht aufgepimpt werden müssen mit einem »*« und »-innen«? 

Was wäre, wenn Männer nun auch darauf bestünden, die männ­liche Form zusätzlich zu betonen – hieße ein Polizist dann Polizist…er? Für mich waren und sind Frauen schon immer gleichberechtigt, egal was manche Männer und sogar Frauen davon hielten. Natürlich müssen Frauen genauso viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen und die gleichen Karrierechancen haben. Das sollte 2021 doch wirklich kein Thema mehr sein!

Wenn wir junge Designer als Jahrespraktikanten einstellen, dann sind es eben auch Designerinnen und Jahrespraktikantinnen, und die verbindet alle der gleiche Beweggrund: Sie wollen Mode entwerfen. Sie wollen meistens nicht einmal zwischen Männer- und Frauenmode unterscheiden. Wie oft hören sie mich dann einwerfen, »aber denkt bitte daran, es sind immer noch unterschiedliche Körper.«

Ich freue mich, dass sie ­offensichtlich etwas freier sind. Sie spielen entspannt zwischen den Geschlechtern, lassen die Menschen entscheiden, wie und vor allem was sie sein wollen. In einer Welt, die gerade mit dem Wahnsinn einer globalen Pandemie kämpft, in der unsere Erde uns täglich zeigt, dass da etwas nicht mehr im Lot ist, da braucht es Veränderungen und neue Perspektiven, die von allen Menschen unterstützt werden – ganz egal ob es sich um Männer oder Frauen handelt. Vor Kurzem habe ich an einer Häuserwand einen Spruch gelesen, über den ich sehr schmunzeln musste: »Hiermit möchte ich mein Geschlecht bekannt geben: transfinanziell – ein Reicher, gefangen im Körper eines Armen«. 

Bitte nicht aus der Reihe tanzen!
Bevor Modeassistentin Nicole den Überblick verliert, hält sie die Schuhparade lieber fest.
Foto: privat

Apropos Körper – darum soll es natürlich auch gehen in diesem Heft. Es steht schließlich unter dem Titelthema »Die neue Mode«, und davon gibt es wieder reichlich: »Hurra, Frühling«, die schönsten Trends der Modelabels vor unserer Haustür (Seite 50). Ich stelle die Frage: Sexy oder Wurstpelle? Eine »Style-Challenge«, wie man würdevoll Leggings trägt (Seite 34). Aber zuallererst machen wir eine sehr tolle Reise durch die Modestile der vergangenen Jahrzehnte (Seite 18).

Fast jede Dekade hatte ihren eigenen Look. Welcher wird in der Retrospektive wohl mal jener der 2020er-Jahre sein, der Zeit, als der Mundschutz kam? Unsere Looks haben sich während Corona sehr verändert. Wäre ja merkwürdig, wenn wir nicht auch textil auf den Ausnahmezustand reagiert hätten. 

Leider ist momentan nichts mehr so, wie es mal war, nicht mal im berüchtigten »Milieu«, dem ältes­ten Gewerbe der Welt. Jetzt lebe ich schon über ein Jahr in dieser wunderschönen Stadt Hamburg und fahre auf meinem Weg nach Hause immer durch St. Pauli über die weltbekannte Reeperbahn. Dieser Stadtteil hat sich so stark verändert. Leuchtreklamen, Menschen­gewusel, Musik und Rambazamba, all das macht dieses Viertel normalerweise aus, aber das ist erst mal vorbei, und ohne das wirkt es wie ein verlassener Ort, aus der Zeit gefallen.

Grund genug, einmal nach­zufragen: Wie geht es den Menschen, die ihr Leben auf dem Kiez schon so lange nicht leben können? Ich habe mich »Unter vier Augen« mit Hanna verabredet und in unseren Redaktionsräumen zum Interview getroffen (Seite 72). Hanna
ist 30 Jahre alt und arbeitet als Prostituierte in der Herbertstraße. Sie erzählt, wie sie Sex-Workerin wurde und was ihre Eltern und Freunde gesagt haben, als sie davon erfuhren. Sie ist eine sehr emanzipierte, herzensgute Frau voller Empathie – und hat uns mitgenommen in den Ausnahmezustand ihrer Welt.

Bitte lächeln!
Ohne Daan Verhoeven kämen wir nicht mit in die irre Unterwasserwelt der Apnoetaucherin Anna von Boetticher. Daan ist der Fotograf der Reportage.
Foto: Daan Verhoeven

Immer wieder erzählen wir in der GUIDO von Menschen, die Außergewöhnliches erleben. Nicht immer weil das Schicksal es ihnen in den Weg gelegt hat, sondern weil sie bewusst in ihre eigene, uns unbekannte Welt abtauchen wollen, manchmal sogar buchstäblich: Anna von Boetticher kann mit nur einem Atemzug 125 Meter tief ­tauchen. Sechs Minuten lang. Sie ist Apnoetaucherin, eine der besten der Welt. Mir fiele dazu ja höchstens ein: »Bist du des Lebens nicht mehr froh, ertränke dich in H2O.« Aber die Bilder zu dieser Reportage (Seite 76) zeigen wirklich eine fantastische Unterwasserwelt. 

Ganz egal in welche Welt ihr bisweilen abtauchen möchtet, ich wünsche euch eine gute Zeit. Wir freuen uns, wenn wir euch schöne Momente mit der GUIDO bereiten können. In besseren Tagen können wir alle schön Händchenhalten.

In schlechteren sollten wir nicht los­lassen – das ist es, was zählt!

Euer Guido Maria Kretschmer